Neue Studie – Netzwerke der Meinungsbildung

Neue Studie – Netzwerke der Meinungsbildung

NapoKo · Neue Studie · Friedrich-Ebert-Stiftung

Netzwerke der Meinungsbildung

Eine neue Analyse im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, wie Debatten rund um die Bundestagswahl 2025 zwischen Medien, Talkshows, TikTok und Telegram verlaufen – und wie sich Zentrum und Rand der Öffentlichkeit gegenseitig beeinflussen.

Cover der FES-Analyse „Netzwerke der Meinungsbildung“ Cover: Friedrich-Ebert-Stiftung
3
Fallbeispiele: Verfassungsrichter:innenwahl, Aschaffenburg, Bürgergeld
12
Monate Untersuchungszeitraum (11/2024 bis 10/2025)
~700.000
Onlineartikel aus 26 Nachrichtenangeboten

Die Studie von Dr. Azade Kakavand, Philipp Kessling und PD Dr. Jan-Hinrik Schmidt (Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut) ist im Oktober 2026 in der Reihe „Analyse“ der Friedrich-Ebert-Stiftung erschienen. Sie fragt, wie sich politische Debatten über verschiedene Arenen hinweg entwickeln: in publizistischen Medien und öffentlich-rechtlichen Talkshows (Zentrum) sowie auf TikTok und in Telegram-Kanälen des rechtspopulistischen und -extremistischen Spektrums (Rand).

Dafür wurden semantische Diskursnetzwerke berechnet: Textpassagen sind verbunden, wenn sie inhaltlich ähnlich sind und höchstens 14 Tage auseinanderliegen. Die Datengrundlage umfasst neben den rund 700.000 Artikeln 268 Talkshow-Sendungen (ARD und ZDF), knapp 2 Millionen Telegram-Nachrichten aus rund 1.500 Kanälen und etwa 74.000 TikTok-Videos von rund 1.100 Accounts öffentlicher Sprecher:innen.

Die wichtigsten Befunde
Issue Ownership am Rand
Rechtspopulistische Akteur:innen haben ein strategisches Interesse daran, Themen wie Migration in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen, bei denen ihnen Teile der Bevölkerung Lösungskompetenz zuschreiben. Gesellschaftliche Krisen wie die Messerattacke in Aschaffenburg nutzen sie, um die Debatte mit eigenen Frames und Narrativen aufzuladen.
Fazit der Studie (Kapitel 5)
Hybride Öffentlichkeit: dynamischer und unübersichtlicher
Journalistische Medien und Social Media strukturieren gemeinsam, wie Informationen fließen. Dadurch werden Debatten dynamischer, unübersichtlicher und offener zugleich. Die Arenen existieren nicht isoliert, sondern beeinflussen sich gegenseitig, in jedem der drei Fälle aber auf andere Weise.
Kapitel 4 und 5
Sichtbarkeit am Rand, mit Übernahmen im Zentrum
Akteur:innen am Rand erlangen leichter Sichtbarkeit. Manche ihrer Argumente und Narrative tauchen später im Zentrum auf, wenn sie zitiert oder referenziert werden oder Sprechweisen übernommen werden. Das erhöht die Chance, dass sie politische Entscheidungen oder die individuelle Meinungsbildung beeinflussen. Eine eindeutige Wanderung von Narrativen aus der Peripherie ins Zentrum zeigen die Daten allerdings nicht.
Kapitel 4 und 5
Drei Fälle, drei Verläufe
  • Richter:innenwahl (Brosius-Gersdorf): Die Debatte beginnt auf Telegram, publizistische Medien ziehen nach und treiben sie nach der Absage der Wahl am 11.7.2025 voran. Die Kritik an der zweiten SPD-Kandidatin Ann-Katrin Kaufhold bleibt dagegen auf Telegram und wird von den Zentrumsmedien kaum aufgegriffen.
  • Aschaffenburg: Telegram liefert kurz nach der Tat schnelle, teils emotionalisierende Posts, in denen die Herkunft des Täters prominent herausgestellt wird. Medien liefern später mehr Kontext. Das Ereignis wird in der Folge immer wieder in migrationspolitischen Debatten herangezogen.
  • Bürgergeld: Kein klarer Auslöser, vor allem Debatte in den Zentrumsmedien. Das Thema wird auf Telegram deutlich weniger diskutiert und ist, anders als Migration, nicht im gleichen Maße von AfD und rechtem Rand besetzt.
Für die PolKomm-Praxis: was daraus folgt
Journalismus
Die Aufgabe wächst, die Vielzahl möglicher Quellen zu beobachten und kritisch zu prüfen: Wo haben Informationen ihren Ursprung? Welche Belege sind authentisch? Wer übernimmt und verstärkt welche Narrative?
Politik und Regulierung
Medienpolitik ist immer auch „Demokratiesicherungspolitik“: Sie muss Meinungs- und Medienfreiheit bewahren, auch in den Arenen der Peripherie, und zugleich Rahmenbedingungen für staatsferne Qualitätsmedien schaffen. Der Digital Services Act bietet mit dem Datenzugang nach Artikel 40 ein Instrument, dessen Einhaltung nicht gesichert ist.
Forschung
Unabhängige Forschung kann Diskursverläufe über längere Zeit und plattformübergreifend untersuchen, ist aber auf Datenzugang angewiesen. Der ist in den letzten Jahren erschwert worden.
Einordnung: Die Studie rekonstruiert exemplarisch drei Debatten und erhebt keinen Anspruch, das gesamte Informationsökosystem abzubilden. Sie bezieht nur Medienangebote mit nationaler Relevanz ein, keine lokalen und regionalen Zeitungen. Facebook, Instagram, YouTube und vor allem X sind nicht Teil der Analyse. Die Autor:innen betonen zudem, dass sie aus den Verbindungen im Netzwerk nicht ableiten können, ob sich spätere Beiträge explizit auf frühere beziehen.
Für die PolKomm-Forschung: wozu die Studie taugt
  • Methodisches Beispiel: Semantische Netzwerkanalyse über Arenen hinweg, die zeitliche Abfolgen sichtbar macht und trotzdem qualitative Blicke auf einzelne Beiträge erlaubt. Interessant für eigene Designs mit großen Textkorpora.
  • Anschlussfähig an aktuelle Konzepte: Issue Ownership, Mainstreaming, hybride Öffentlichkeit und „illiberal public spheres“ werden empirisch am deutschen Fall diskutiert.
  • Offene Fragen: Fehlende Arenen (X, Facebook, Instagram, YouTube), lokale Medien und die Frage, ob Verbindungen im Netzwerk auch tatsächlich Bezugnahmen sind.
Zitationsempfehlung: Kakavand, A., Kessling, P., & Schmidt, J.-H. (2026). Netzwerke der Meinungsbildung: Kommunikationsdynamiken im Umfeld der Bundestagswahl 2025. Analyse. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.
Hinweis der Herausgeberin: Die Publikation gibt nicht notwendigerweise die Ansicht der FES wieder.
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