NapoKo Lesetipp

NapoKo Lesetipp

NapoKo · Lesetipp · DGPuK-Fachgruppe Kommunikation & Politik

Zur Rolle sozialer Medien im Wahlkampf

Die Fachgruppe Kommunikation & Politik der DGPuK hat einen neuen Reader veröffentlicht: 13 Fragen, 13 wissenschaftlich fundierte Antworten – verständlich geschrieben und frei zugänglich.

13
Fragen zu sozialen Medien im Wahlkampf
7
Autor:innen aus der Fachgruppe
41
Seiten, Open Access (CC BY-NC-ND)

Der Reader erscheint im September 2026 und wurde von Anne Schulz (Universität Zürich) und Philipp Müller (Universität Mannheim) herausgegeben. Er entstand aus der gemeinsamen Arbeit von Fachgruppenmitgliedern, die in einem Retreat Fragen gesammelt, strukturiert und in Autor:innengruppen beantwortet haben.

Das Ziel: den Forschungsstand zu sozialen Medien und Wahlen so aufzubereiten, dass er auch außerhalb der Wissenschaft nutzbar ist – insbesondere für Journalist:innen, interessierte Bürger:innen und politische Entscheidungsträger:innen. Die Antworten sind bewusst kurz gehalten und machen dabei transparent, wo die Forschung Unsicherheiten hat oder noch keine klaren Befunde vorliegen.

Für Praktiker:innen: das Wichtigste
Sichtbar heißt nicht mehrheitsfähig
Inhalte mit Negativität und Abwertung der politischen Gegenseite erzielen mehr Reichweite. Hinter den lautesten Stimmen steht oft eine kleine, konfrontative Gruppe, während moderate Stimmen sich eher zurückhalten. Soziale Medien sind deshalb kein verlässliches Stimmungsbarometer für Wahlkämpfe – weder für Redaktionen noch für Kampagnenteams.
Kapitel von Anne Schulz, Ines Engelmann
Wirkung: eher schwach und eher indirekt
Politische Einstellungen sind relativ stabil. Die Nutzung sozialer Medien verändert sie kaum direkt; Einfluss entsteht eher über wahrgenommene Meinungsklimata, etwa durch Nutzerkommentare. Auch die Wahlbeteiligung wird laut Forschungsstand nur wenig beeinflusst, und mobilisiert werden vor allem ohnehin politisch Aktive.
Kapitel von German Neubaum & Jana Dreston
Filterblasen und Polarisierung: differenziert betrachten
Für die Metapher der Filterblase gibt es kaum robuste Belege; homogene Umfelder entstehen eher durch eigene Auswahl als durch Algorithmen. Auch bei der Polarisierung zeigt sich kein klarer Trend: Soziale Medien fördern eher das Gefühl gesellschaftlicher Spaltung, als dass sie die treibende Kraft dahinter wären.
Kapitel von German Neubaum
Desinformation: ernst nehmen, nicht überschätzen
In Deutschland ist die Reichweite einschlägiger Angebote begrenzt, und die Wirkung hängt stark von den Voreinstellungen der Menschen ab. Das Mediensystem gilt als vergleichsweise resilient. Trotzdem können kleine Effekte bei knappen Wahlen relevant werden, und die bloße Wiederholung falscher Behauptungen kann sie sogar vertrauter machen – auch in der Berichterstattung.
Kapitel von Philipp Müller
Manipulation: Plattformlogik mitdenken
Fake-Accounts, Astroturfing und ausländische Einflussnahme sind dokumentiert. Für Deutschland beschreibt der Reader weniger zentral gesteuerte Bot-Netzwerke als hochaktive Anhängerschaften („partizipative Propaganda“). Echte Überzeugungsarbeit ist extrem unwahrscheinlich; Manipulation wirkt vor allem dort, wo sie bestehende Einstellungen bestätigt. Bei ausländischen Kampagnen verweist der Reader auf Russland und China sowie auf die Rolle von Plattformalgorithmen wie bei TikTok, die Desinformation verstärken können.
Kapitel von Julian Hohner
KI im Wahlkampf: bislang vor allem Content-Produktion
In deutschen Kampagnen wird generative KI bisher begrenzt und meist ad hoc eingesetzt, etwa für Symbolbilder und Visualisierungen. International zeigt sich ein heterogeneres Bild. Der Reader verweist auf die Bedeutung von Kennzeichnung und Transparenz sowie auf erste Regulierung durch DSA und AI Act.
Kapitel von Maximilian Eder
Übrigens: Nachrichtenvermeidung gehört zum Gesamtbild. Dieselbe Dynamik, die Konflikte sichtbarer macht, kann beiläufige politische Information ermöglichen – und für andere Menschen ein Grund sein, sich ganz zurückzuziehen (Kapitel von Anne Schulz). Wahlkampfkommunikation, die nur auf Aufmerksamkeit optimiert ist, sollte das mitbedenken.
Für die PolKomm-Forschung: wozu der Reader taugt
  • Schneller Einstieg in Teilfelder: Jedes Kapitel bündelt den Forschungsstand und listet „zentrale weiterführende Literatur“ plus weitere Quellen. Das ist nützlich für Literaturrecherchen, Exposés und die Lehre.
  • Offene Forschungsfragen auf einen Blick: Der Reader benennt selbst Lücken, etwa langfristige Effekte statt kurzfristigem Priming, Stärke und Stabilität von Einstellungen statt nur ihrer Richtung, Unterschiede zwischen Plattformen, Studien außerhalb der USA, die Kausalrichtung bei alternativen Medien und die schwierige Messung tatsächlicher Falschinformationsexposition.
  • Beispiel für gelungenen Transfer: Das Format zeigt, wie sich Forschungsstand kollektiv und in verständlicher Sprache für Medien und Öffentlichkeit aufbereiten lässt, ohne die wissenschaftliche Sorgfalt aufzugeben – ein guter Anknüpfungspunkt für eigene Wissenschaftskommunikation.
  • Zitierfähig und offen zugänglich: Mit DOI, Zitationsempfehlung und CC-BY-NC-ND-Lizenz lässt sich der Reader sauber referenzieren und in der Lehre verwenden.
  • Vernetzung: Am Ende des Readers stehen Kurzprofile und Kontaktdaten aller Autor:innen – hilfreich für Austausch und mögliche Kooperationen.
Die 13 Fragen im Überblick
  1. Wie beeinflusst die Nutzung sozialer Medien die Meinungsbildung und das Wahlverhalten?German Neubaum, Jana Dreston
  2. Wie beeinflusst die Nutzung alternativer Medien Meinungsbildung und Wahlverhalten?Ines Engelmann
  3. Wie gut spiegeln soziale Medien politische Meinungen und Wahltrends wider?Ines Engelmann
  4. Findet politische Meinungsbildung heute in Filterblasen und Echokammern statt?German Neubaum
  5. Sind soziale Medien für politische Polarisierung verantwortlich?German Neubaum
  6. Informieren Wahlkämpfe in sozialen Medien oder verstärken sie Nachrichtenvermeidung?Anne Schulz
  7. Werden Wahlentscheidungen auf Basis von Falschinformationen getroffen?Philipp Müller
  8. Verbreiten Parteien über soziale Medien viele Falschinformationen und negative Inhalte?Philipp Müller
  9. Werden negative und extreme Stimmen in sozialen Medien eher gesehen und geklickt?Anne Schulz
  10. Wie manipulieren politische Akteure mit Hilfe der sozialen Medien?Julian Hohner
  11. Setzen politische Akteure bei der Verbreitung ihrer Inhalte auf Fake-Accounts?Julian Hohner
  12. (Wie) Beeinflussen Desinformationskampagnen anderer Länder unsere Wahlen?Julian Hohner
  13. Wurde KI von politischen Parteien bereits in Wahlkampagnen eingesetzt?Maximilian Eder
Zitationsempfehlung: Schulz, A., & Müller, P. (Hrsg.). (2026). Zur Rolle sozialer Medien im Wahlkampf: Antworten von Mitgliedern der DGPuK Fachgruppe Kommunikation & Politik; Reader. Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft e.V. Fachgruppe Kommunikation und Politik. https://doi.org/10.21241/ssoar.112904
Der Reader steht unter einer CC-BY-NC-ND-Lizenz (Namensnennung, nicht kommerziell, keine Bearbeitung).
Forschst du zu einem dieser Themen? NapoKo sucht regelmäßig Gastbeiträge – auch zu sozialen Medien und politischer Kommunikation. Mehr dazu auf unserer Gastbeiträge-Seite oder direkt per Mail an napoko@dgpuk.de.
#NapoKo #DGPuK #PolKomm #SozialeMedien #Wahlkampf #Desinformation #OpenAccess