Lunchbreak zum Eindringen extremistischer Narrative in den Mainstream-Diskurs – mit Sophia Rothut und Heidi Schulze

Lunchbreak zum Eindringen extremistischer Narrative in den Mainstream-Diskurs – mit Sophia Rothut und Heidi Schulze

Die Pandemiezeit hat nicht nur das Gesundheitssystem und die Wirtschaft gefordert, sondern auch verschiedene politische Bewegungen hervorgebracht. Einige dieser Bewegungen weisen bedenkliche Tendenzen auf. In unserer letzten Lunchbreak vom 21. November 2023 stellten Sophia Rothut und Heidi Schulze die Ergebnisse eines Forschungsprojekts im Auftrag des Bundesministeriums des Innern und für Heimat vor (in Zusammenarbeit mit Dr. Brigitte Naderer und Prof. Diana Rieger), das sich mit dem Eindringen extremistischer Ideologien und Narrative in den Mainstream-Diskurs beschäftigte. Ausgangspunkt der Untersuchung bildeten die COVID-19-Proteste und die Querdenken-Bewegung. Für all diejenigen, die den spannenden und eindringlichen Vortrag leider verpasst haben, haben wir hier noch eine kleine Zusammenfassung für Euch zusammengetragen. Der wichtigste Spoiler gleich zu Beginn: Sophia und Heidi hielten am Ende ihres Vortrages fest, dass die Querdenken-Bewegung zwar kaum direkte Rechtsaußen-Kommunikation in ihren Beiträgen aufweist (weniger als 3% aller Beiträge), jedoch dennoch eine Nähe zu Rechtsaußen-Kanälen besteht, da vornehmlich auf diese Quellen verlinkt wird.

Was ist Mainstreaming und was folgt daraus?

Mainstreaming ist ein (strategischer) Prozess, in welchem extremistische Akteure darauf abzielen, den öffentlichen Diskurs unbemerkt in Richtung radikaler Positionen zu verschieben. Beispielsweise werden die eigenen Bewegungen als trendy oder cool dargestellt, z.B. durch Assoziationen mit Hip-Hop, um somit die breite Öffentlichkeit schrittweise an die eigene Ideologie heranzuführen und die „Grenzen des Sagbaren“ zu verschieben. Beschleunigt wird dieser Prozess unter anderem durch einen populistischen Kommunikationsstil (z.B. Elitenfeindlichkeit) und die Nutzung von Verschwörungserzählungen.

Der Forschungsstand zum strategischen Mainstreaming steckt noch weitestgehend in den Kinderschuhen. Einer vorangegangenen systematischen Literaturanalyse zufolge kommt der Begriff vor allem als Buzzword für die Relevanzbegründung zur Anwendung und wird selten messtheoretisch operationalisiert. Was in der Literatur jedoch allgemein angenommen wird, ist, dass Mainstreamig-Bemühungen auf Dauer dazu führen, dass die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit gegenüber extremistischer Ideologie, Akteuren und Praktiken nachlässt und gesellschaftliche Normen bzw. etablierten diskursive Konventionen verändert werden.

Welche detaillierten Erkenntnisse wurden aus dem empirischen Projekt gewonnen?

In ihrem empirischen Projekt hat das Forscherinnenteam neben einer Netzwerkanalyse eine längsschnittliche quantitative Inhaltsanalyse sowie eine URL-Analyse von Telegram-Gruppen der Querdenken-Bewegung über zwei Jahre durchgeführt. Die Beiträge wurden unter anderem darauf untersucht, inwieweit sie Nationalismus, Exklusionismus und Xenophobie bedienen. Besonders auffällig war die Verwendung von elitenfeindlichen Motiven in den Beiträgen: Diese war in etwa 80% der Beiträge präsent, mit einem sprunghaften Anstieg zu Beginn der Pandemie. Zwar waren Aussagen, die direkt dem Rechtsextremismus zugerechnet werden können, nur wenig prävalent im ersten Jahr (unter 3%), doch beobachtete das Team einen signifikanten Anstieg im Zeitverlauf. Beiträge, die sich rechtsextremer Narrative bedienen, enthielten überwiegend nationalistische Inhalte (über 50%), 36% zeigten exklusionistische Tendenzen, und jeder fünfte Beitrag fiel in den Bereich der Xenophobie.
Außerdem untersuchten die Forscherinnen die Quelle der Beiträge mittels einer Netzwerkanalyse: Die reichweitenstärksten Beiträge stammten von externen Quellen wie beispielsweise (rechts-)alternativen Blogs und anderen alternativen Nachrichtenplattformen, aber auch der BILD und Welt, die sehr emotional über die Corona-Proteste berichtet hatten. Das Netzwerk aus Verlinkungen ergab in der Analyse zudem vier intern vernetzte Communities, die jedoch auch Telegram-Kanal-übergreifend Austausch pflegen: Einmal die Querdenken/Protest-Community (Ausgangspunkt der Datenerhebung), Rechtsaußen-Schlüsselfiguren wie Influencer:innen und Publizist:innen, sowie deutschsprachige und internationale QAnon-Akteure.


Habt ihr noch Fragen? Sophia und Heidi haben uns gesagt, dass sie sich über Fragen und Austausch via Mail sehr freuen!